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Bitcoin als Würfelspiel

Im Artikel Bitcoin-Hype: Warum staatliche Währungen immer noch überlegen sind erklärt Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre, sein Verständnis von Bitcoin.

Seinen Vergleich »Immer wenn ein Teilnehmer mit vier Würfeln gleichzeitig eine Eins würfelt, erhält er 100 Scheine.« im Artikel halte ich für schlichtweg falsch. Eine passende Beschreibung des Ablaufs beim Bitcoin wäre: »Herr Müller nennt eine Zahl x und die Teilnehmer müssen eine weitere Zahl y finden, so dass beim Rest der ganzzahligen Division der Summe von x und y durch 11 die letzten drei Stellen 123 lauten. Dann sitzen alle am Tisch und knobeln und der erste, der eine Zahl y gefunden hat, bekommt 100 Scheine.« Die Zahl y entspricht dem nonce beim Proof-of-work von Bitcoin und die tatsächliche Berechnung ist wesentlich schwieriger als die Restbildung bei einer Division – Bitcoin verwendet ein Hash-Verfahren.

Der Gewinner des Wettbewerbs bei Bitcoin ergibt sich nicht zufällig, weil die Aufgabe (Werfen der Würfel) ein zufälliges Ergebnis liefert, sondern die Aufgabe zu lösen hängt sehr von der (Kopf‑)‌Rechenfähigkeit der Teilnehmer und deren Strategie bei der Wahl der Zahlen ab. Ein naiver Ansatz ist, die Zahlen aufsteigend von eins beginnend auf ihre Eignung hin zu prüfen. Wenn dies alle tun, ist es nur eine Frage der Rechengeschwindigkeit. Man kann aber die Kandidaten für y auch zufällig oder nach einem Muster wählen, womit es dann wieder sehr vom Geschick der Teilnehmer abhängt, wer den Wettbewerb gewinnt. Aber die Berechnung selbst ist völlig deterministisch.

Ebenso halte ich die Anonymität bei Bitcoin für nicht sonderlich gut dargestellt. Die Aussage, dass in der Blockchain alle Transaktionen einer Adresse für jeden einsehbar sind, ist korrekt. Jedoch unterschlägt der Artikel, dass eine Geldbörse mehrere Adressen hat und eine Person mehrere Geldbörsen besitzen kann. Mit einem sinnvollen Umgang ist es dann eben nicht so, dass »Sie [die Teilnehmer] können zudem erkennen, dass Herr Maier die 100 Valuecoin von Herrn Müller bekommen hat […]«. Herr Maier wird Herrn Müller eine andere Adresse geben, als er Frau Schmidt gibt.

Auch die etwas lapidar klingende Aussage »Stellt Herr Müller sein Währungssystem auf einen ›distributed ledger‹ um« unterschlägt die ganzen Überlegungen, wie das Blockchain-System konstruiert wurde – es schließt die Notwendigkeit eines Herrn Müllers aus. Daran zeigt sich für mich auch der grundlegende Fehlansatz der Geschichte in dem Artikel. Bei Bitcoin herrscht nicht ein Herr Müller, sondern Herr Müller hat sich ein System ausgedacht, die Anleitung niedergeschrieben und diese an Leute verteilt. Damit hat Herr Müller erst einmal alle Herrschaft abgetreten. Es gibt zwar immer wieder eine Überarbeitung des Regelwerks, aber ob man diese annimmt oder nicht, bleibt den Teilnehmern überlassen – die Forks bei den Digitalwährungen.

Bei all den Schilderungen über Bitcoin und die Bedeutung von Bitcoin als Währung fehlt mir der Blick über den Tellerrand. Der Blick von Herrn Bofinger ist mir zu begrenzt auf Staaten wie Deutschland oder der EU. Bitcoin und all die anderen Digitalwährungen sind aber über das Internet global verfügbar und nicht auf ein Territorium begrenzt. Zur Bedeutung von Bitcoin in Ländern Südamerikas oder zum Beispiel in China wird überhaupt nichts gesagt, geschweige denn dass auf die Bedeutung für den staatenübergreifenden Handel eingegangen wird. Die EZB hat keinen Einfluss an allen Orten auf der Welt. Damit wird im Artikel ein Hauptanliegen der Digitalwährungen ausgeblendet.

Am ganzen Artikel halte ich vor allem die Form für sehr fragwürdig. Mit der Assoziation von Bitcoin und einem Glücksspiel wie Würfeln suggeriert der Autor von beginn an, dass Bitcoin etwas Anrüchiges anhängt. Ebenso die Wahl der Namen wie Müller, Meier und Schmidt erwecken den Eindruck, dass dem ganzen der Schein etwas profanen gegeben werden soll, so als wäre das System ein Ergebnis von zehn Minuten Nachdenkens. Der Artikel erscheint mir sehr populistisch und der Autor arbeitet nicht rein auf der Faktenebene, sondern unterschwellig und suggestiv, und seine faktischen Darstellungen sind zum Teil nicht korrekt.

Zeit-Online

Handelsblatt

Fazit

»Die Wahrheit ist aber: Leider ist nicht alles anders als bei anderen Übertreibungen am Finanzmarkt. Sogenannte Kryptowährungen haben zwar tatsächlich Potenzial, aber dieses Potenzial hat nichts mit der irren Kursentwicklung zu tun. Beispiele für den Wahnsinn jenseits der Substanz gefällig? Bitte sehr: Die New Yorker Firma Long Island Ice Tea, benannt nach einem hochprozentigen Bargetränk, tatsächlich aber Hersteller von Eistees, hat sich umbenannt in Long Blockchain, wobei Blockchain nichts anderes ist als die technische Basis des Bitcoin. Künftig will das Teeunternehmen auch in Kryptowährungsfirmen investieren. Name und Plan reichten, um den Börsenkurs gen Himmel zu schicken – mit einer Steigerung von mehreren Hundert Prozent. Und ein amerikanischer Möbelhändler konnte immerhin noch ein gutes Drittel an Kurs zulegen, bloß weil er erklärte, bei ihm könnten Kunden bald in Bitcoin bezahlen.« http://www.zeit.de/2018/02/finanzmarkt-macht-geld-geldpolitik/seite-2

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