Anfang März bin ich zu einem Symposium über das Leben in 20 Jahren eingeladen und werde einen Beitrag mit dem Schwerpunkt Technik und Digitalisierung begleiten. Meine Gedanken zur Vorbereitung und die Erkenntnisse bei der Veranstaltung will ich hier zusammentragen.

Motivationen von Veränderungen

Bevor ich den Blick nach vorn in die Zukunft wage, halte ich es für sinnvoll, erst einmal zurück zu blicken und die Umstände und Entwicklungen in der Vergangenheit zu betrachten. Auf zwei Fragen will ich mich dabei konzentrieren: 1) Was ist ein möglicher Antrieb für Veränderungen? und 2) Wohin soll die Entwicklung führen?

Die Erweiterung und Substitution des Körpers

Arnold Gehlen schuf den Blick auf den »Menschen als ein Mängelwesen«, das unvollkommen an seine Umwelt angepasst und anderen Spezies unterlegen ist. Der Mensch schafft sich aus diesem Grund seit jeher Mittel und Werkzeuge, um seine Unzulänglichkeiten zu kompensieren: wenn es zu kalt ist, zieht er sich Kleidung an; mit Schiffen überquert er Gewässer; um besser sehen zu können, greift er zum Fernrohr; auf Papier schreibt er, um wichtige Informationen zu bewahren.

Der Mensch erschafft sich Werkzeuge, um seine Fähigkeiten zu verfeinern und zu erweitern, oder baut Maschinen, um sie an seiner Stelle einzusetzen. Mithilfe dieser Errungenschaften konnte er sich besser an seine Umwelt anpassen, als es sein Organismus ermöglicht.

Wenn man in diesem Gedanken die Phasen der Industrialisierung betrachtet, dann hat der Mensch mit Wasserkraft, Windmühle und Dampfmaschine eine Steigerung bzw. einen Ersatz seiner Muskelkraft geschaffen. Mit Maschinen und Robotern konnte er eine Präzision und Ausdauer über das Maß seiner eigenen physischen Fähigkeiten hinaus erreichen. Durch Elektronik und Computer konnte er seine mentalen Leistungen wie das Erinnerungsvermögen, Schlussfolgern, Lernen und Denken unterstützen oder in einigen Teilen auch durch Systeme ersetzen, die um ein Vielfaches leistungsfähiger sind als er selbst.

Über Jahrhunderte hinweg hat der Mensch sich immer mehr Erleichterungen für sein Leben geschaffen und die Welt um sich herum so verändert, dass er mit geringerem körperlichen und mentalen Einsatz seinen Alltag bestreiten kann. Das Leben ist somit immer ungefährlicher (Sterblichkeit) und bequemer (Muskelkraft) geworden und man könnte sagen, der Mensch strebt in Analogie zu einem chemischen System mit dem Drang zu einem immer angenehmerem Leben auf einen Zustand niedrigster Energie zu.

Doch im Wechselspiel mit den aufkommenden Möglichkeiten hat sich auch der Schwerpunkt der Anforderungen an den eigenen Körper verlagert. Vor der industriellen Revolution war für das tägliche Leben die körperliche Kraft entscheidend. An den Maschinen waren Geschicklichkeit und geistige Fähigkeiten notwendig. Mit den Computern sind höhere geistige Fähigkeiten notwendig bzw. bleiben dem Menschen als letzte Überlegenheit gegenüber seinen Errungenschaften nur die sozialen und empathischen Kompetenzen.

Die Anforderungen des Lebens haben sich immer mehr auf eine Kompetenz fokussiert und fordern für diese eine gute Qualifikation. Seine Erleichterungen haben ihn immer mehr in die Enge gedrängt und gleichzeitig austauschbar gemacht.

Zurück zum Ursprung

Das Leben in der freien Natur stellt dem Individuum eine Vielzahl von Herausforderungen und Aufgaben, die es allein kaum bewältigen kann. In Verbänden wie (Groß-)​Familien und Dorfgemeinschaften haben Menschen seit Jahrtausenden sich durch gegenseitige Hilfe und Unterstützung gemeinsam ihr Überleben erleichtert. Für den Menschen ist es essentiell die Komplexität des Lebens auf ein überschaubares Maß zu reduzieren, da er nicht alle Anforderungen in hinreichender Stärke bewältigen kann.

Seit dem Beginn der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert haben sich jedoch die sozialen Strukturen sehr stark verändert: zusammenlebende Familien – der Kernbereich des Lebens – sind kleiner geworden bis hin zu Singles; die Anzahl der Kontakte zu anderen Menschen hat im Vergleich zur dörflichen Gemeinschaft zugenommen, aber die Kontakte haben sich spezialisiert (Arbeitskollegen, Freunde, Sportverein) und Überlappungen der Gruppen sind geringer geworden.

Die persönlichen Kontakte, die den Menschen über Jahrtausende hinweg umgeben und geholfen haben, haben abgenommen. In der heutigen Zeit sind Menschen wesentlich mobiler geworden und Kinder wohnen weiter von ihren Eltern entfernt, als es vor noch 50 Jahren der Fall war. Zwar lassen sich mit technischen Errungenschaften wie Verkehr und Telekommunikation die Beziehungen weiterhin aufrecht erhalten, jedoch nicht so intensiv und teils nicht im persönlichen Kontakt.

Aber gerade dieser direkte Kontakt von Mensch zu Mensch, von Angesicht zu Angesicht, den der Mensch über Jahrtausende hinweg erfahren hat, hat ihn auch geprägt und das Streben nach menschlicher Nähe, nach Kommunikation und Austausch, nach Gemeinschaft und Teilhabe ist ein tiefes, inneres Bedürfnis geworden, weil damit eine Befriedigung seiner Urbedürfnisse nach Schutz und Hilfe zum Überleben einhergeht.

Durch die Verschiebungen der Industrialisierung wurde die Befriedigung dieser Bedürfnisse gestört, aber der Mensch versucht dies mit Werkzeugen wie Telekommunikation und sozialen Netzwerken auszugleichen. Diesen Drang nach sozialen Bindungen die mit der industriellen Entwicklung abgenommen haben, würde ich als Motivationen II im Folgenden bezeichnen.

Motivation II: Befriedigung der Urbedürfnisse

Technische Entwicklung

Die technischen Errungenschaften

Ein tragendes Prinzip der digitalen Technik ist die Generalisierung: Geräte sind im Kern universell geworden und das Internetprotokoll (IP) hat sich zum Standardprotokoll für die Kommunikation entwickelt. Dies hat dazu geführt, dass Kommunikation (Telefonverbindung) und Geräte (Computerchips) immer leistungsfähiger, preiswerter und allgegenwärtiger wurden.

Die Entwicklungen bei Geräten

Früher wurden elektronische Schaltungen speziell für Geräte entworfen. Mit der Kombination von Hard- und Software steckt in vielen modernen Geräten oft der gleiche Chip, der nur über die Software individuell gesteuert wird. Somit kann der materielle Anteil eines Gerätes einheitlich und massenweise gefertigt werden, wodurch die Kosten stark fallen.

Die Entwicklung von Hardware verläuft nicht mehr auf vielen kleinen speziellen Wegen, sondern auf einem großen, allgemeinen Pfad, in dem sich die Kräfte bündeln; von einer Errungenschaft profitieren eine Vielzahl an Nutzern. Diese konzentrierte Entwicklung hat zu den Leistungssteigerungen, der Miniaturisierung und Verschmelzung unterschiedlicher Geräte geführt, wodurch ein Smartphone zum Beispiel zu einem Universalgerät aus Telefon, Kamera, Internetzugang, Radio, Fernseher, Notizblock, Terminkalender, Taschenrechner, Spielekonsole und vielem mehr geworden ist.

Aus der Trennung in Hard- und Software – in einen festen, universellen Kern und eine austauschbare, individuelle Steuerung – ergab sich noch ein wesentlicher Unterschied zur alten monolithischen Technik, der völlig neu ist: Die Geräte sind nach der Produktion noch veränderbar. Dies eröffnet eine solche Vielzahl an Möglichkeiten, dass dieser Vorteil von vielen noch gar nicht erkannt wird.

Die Entwicklungen bei der Kommunikation

Bei der Kommunikation war ebenfalls die Verallgemeinerung und Unabhängigkeit vom speziellen Anwendungszweck von Vorteil. Das Internetprotokoll (IP) kann mit verschiedenen, physikalischen Leitungen (Kupferkabel, Funk, LWL, …) genutzt werden und mit IP wiederum können vielfältige Anwendungen (Radio, Fernsehen, Telefonie, Texte, Sprache, …) arbeiten.

Mit dieser Abstraktionsebene zwischen Übertragungstechnologie und Anwendung sind beliebige Kombinationen möglich, wodurch unbemerkt für die Anwendung die optimale Übertragungstechnologie gewählt und zwischendurch auch gewechselt werden kann. Außerdem ermöglicht diese Trennung eine unabhängige Entwicklung von Anwendungen und Übertragungstechnologien, womit beide Seiten einen größeren Freiraum haben, was einen schnellerer Fortschritt ermöglicht.

Das Besondere der digitalen Welt

Mit der digitalen Technik haben Informationen und Daten eine völlig neue Bedeutung bekommen und es eröffnen sich Möglichkeiten, wie es so in der Vergangenheit so noch nicht gab.

In der digitalen Welt ist es möglich, Informationen verlustfrei und sehr leicht zu vervielfältigen, unabhängig davon wie viel Arbeit für ihre Erschaffung notwendig war. Informationen sind nahezu kostenlos speicherbar und können leicht über große Distanzen transportiert werden. Eine wesentliche Eigenschaft aufgrund ihrer immateriellen Natur ist, dass Informationen nicht altern bzw. durch ihren Gebrauch nicht an Wert verlieren. Dies eröffnet Möglichkeiten, die die Menschheit so bisher von materiellen Gütern nicht kannte und die in vielen Lebensbereichen ein starkes Umdenken erfordern.

Mit der Technik entstand auch eine Hebelwirkung, die mit realen Vorgängen schwer zu vergleichen ist. Wenn ein Programm einmalig erstellt wurde, kann es millionenfach quer über die gesamte Welt verteilt ausgeführt werden, ohne dass der Ersteller des Programms weitere Arbeit leisten muss. Durch die globale Vernetzung können Millionen von Menschen gemeinsam agieren, womit ein minimaler Aufwand des Einzelnen zu einem riesigen Ganzen wird (Crowdfunding, Spam, Wikipedia). Eine solche Hebelwirkung mit einem Faktor von einer Million und mehr lässt sich intuitiv nicht erfassen.

Ein weiterer Unterschied der digitalen zur realen Welt sind die Grenzen. Das Internet hat sich unabhängig von bestehenden geopolitischen Strukturen entwickelt und eine Information ist in einem bestimmten Netzwerk hinterlegt oder kann darüber übertragen werden, aber dieses Netzwerk kann sich über geopolitische Grenzen hinweg erstrecken. Man kann Informationen und Teilnehmern nur über Umwege einem Ort auf der Welt zuordnen, was immer wieder zu Konflikten und Fehlern führt – das Internet ist international. Gemeinschaften im Internet haben sich stattdessen entlang der Interessen der Menschen entwickelt.

Bei einem anderen Umstand bin ich mir nicht so sicher, ob er neu ist oder auch bei den Entwicklungen in der Vergangenheit schon so aufgetreten ist: Die digitale Welt ist so schnell über uns hereingebrochen, dass Lebenserfahrung bei dem Thema nicht wichtig ist. Menschen jünger als 30 Jahre haben im Umgang mit der Technik oft mehr Erfahrung und können leichter mit ihr umgehen als Menschen über 50. In der digitalen Welt haben die Jungen gegenüber den Alten den entscheidenden Vorsprung und da sich die digitale Welt auch immer stärker ausbreitet, entsteht der Konflikt, dass die Generation der Entscheidungsträger (z. B. in der Regierung) ihre Kinder fragen und auf sie hören müsste.

Visionen

Die technischen Veränderungen

Einige Entwicklungen der nächsten Jahre sind bereits gut zu erkennen: die Menge der Geräte und ihre Vernetzung wird zunehmen – IoT; immer mehr Aufgaben und Tätigkeiten werden in die digitale Welt verlagert (digitales Gericht/​Behörde); Wissen und Denken wird immer mehr von Technik übernommen und dabei leichter überall nutzbar sein.

Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine wird noch besser an die physischen Bedingungen des Menschen angepasst und natürlicher (Sprachsteuerung) werden. Hierfür wird auch die Anzahl an Sensoren und Aktoren zunehmen und es werden sich neue Typen (3D-Brillen, Ultraschallstimulatoren) herausbilden. Mit Techniken wie Augmented Reality wird die digitale Welt fließender in die reale Welt eingebunden und die Grenze dazwischen verschwimmen.

In Zukunft wird es für die Akzeptanz der Technik immer wichtiger, dass sie leicht zugänglich ist, denn bereits heute lassen sich Trends zur Technikabkehr erkennen, weil diese als zu kompliziert empfunden wird. Technik muss mehr die realen und bekannten Dinge nachbilden und sich wesentlich besser in das natürliche Denken und Handeln einpassen, um Anerkennung zu finden – intuitive Bedienung. Wenn es nicht geschafft wird, eine Akzeptanz für die Technik zu erreichen, wird es zu einer Spaltung in Befürworter und Gegner kommen, wobei die Gegner aufgrund ökonomischer Gründe zur Technik gezwungen seien werden. Ebenso wird sich der bereits aufkommende Konflikt verstärken, dass eine schlecht zugängliche Technik zwischen denen, die sie verstehen, und jenen, die sie nur bedienen, ein Machtpotenzial aufbaut, das missbraucht werden kann.

Mit der stärkeren Vernetzung und Ausbreitung der Technik wird Teilen der Gesellschaft wieder die Möglichkeiten zur Teilnahme gegeben, die zuvor ausgeschlossen waren. Durch 3D-Drucker und CNC-Maschinen könnte sich die Produktion von Gütern wesentlich stärker verteilen und näher an den Konsumenten heranrücken. Es könnte zu einer De-Globalisierung kommen, weil die Produktion vielfältiger Waren mit nur minimalem menschlichem Aufwand erfolgen kann, bzw. könnten regionale Anbieter entstehen, die ein Produkt fertigen, für das der Kunde die Konstruktionsdaten von einem anderen Anbieter erworben hat.

Ebenso werden Themen wie Heimarbeit und e-Learning erst mit der besseren Vernetzung richtig relevant. Erst mit der hinreichenden Bandbreite zur Übertragung von Videos und Verbreitung entsprechender Aufnahme- und Abspieltechnik kommen diese Formate den konventionellen Formaten nahe. Spezielle Interessen von räumlich weit entfernt wohnenden Menschen können auf durch die Vernetzung gemeinsam wahrgenommen werden und Kultur (Film, Musik) kann für Menschen erreichbar werden, wo zuvor die Mittel und Wege dafür fehlten. Besonders für den ländlichen Raum wird diese Entwicklung von Vorteil sein.

Durch individuelle Angebote kann es auch wieder zu einer besseren Integration der Gesellschaft kommen. Zum Beispiel eröffnet Technik blinden Menschen einen besseren Zugang zum gesellschaftlichen Leben und älteren Menschen kann mit Technik ein längeres und sicheres Leben in ihrem gewohnten Umfeld ermöglicht werden.

Die gesellschaftlichen Veränderungen

Die Neuerungen der digitalen Welt mit ihren Abweichungen von der herkömmlichen, materiellen Welt bringen für die Gesellschaft neue Möglichkeiten, die sinnvoll erschlossen werden müssen, und es wird eine Vielzahl an Fragen geben, auf die Antworten gefunden werden müssen.

Da Informationen so leicht vervielfältigt werden können, ohne dass am Ende das Original von der Kopie sich unterscheidet, wird eine entscheidende Frage die nach dem Besitz von Daten werden. Während ein künstlerisches Werk (Text, Musik, Foto, Film) in materieller Form nur mit Aufwand dupliziert werden kann, ist die Vervielfältigt in digitaler Form problemlos möglich. Dies ermöglicht viele neue Wege der Verbreitung und das World Wide Web wäre ohne diese Möglichkeit nicht entstanden, aber es gestaltet den Schutz eines Werkes erheblich schwerer.

Durch die Veränderbarkeit der Software und damit der Geräte stellt sich auch die Frage nach dem Recht auf Veränderbarkeit dieser. Wenn man ein Gerät erworben hat, hat man dann auch das Recht, die Software des Gerätes zu ändern? Wie ist dann der Umgang mit amtlichen Zulassungen für diese Geräte? Sind Hersteller verpflichtet Geräte zu aktualisieren?

Mit der Vernetzung ist es leicht, Teile eines Gerätes auf zentrale Server auszulagern. Während ein autarkes System ein Leben lang funktionsfähig war, sind solche Geräte es nur so lange das Serversystem erreichbar ist und die Version des Gerätes unterstützt. Wie gehen Firmen damit um und wie sind die Rechte des Verbrauchers (BGB § 633) bei diesen veränderlichen Geräten? Können rasche »Zwangserneuerungen« (geplante Obsoleszenz) nachhaltig sein oder kann man Ansätze wie Repariercafés fördern?

Aufgrund der Veränderbarkeit von Daten wird auch die Frage nach der Integrität und Authentizität eine große Herausforderung. In der materiellen Welt konnten Menschen jahrtausendelang ihrem Gegenüber in die Augen blicken, um seine Glaubwürdigkeit einzuschätzen, oder Dinge anfassen und fühlen, um die Echtheit zu prüfen. In der digitalen Welt sind es jedoch nur virtuelle Stellvertreter, die sich diesen althergebrachten Methoden entziehen.

Hier gibt es auch gegenläufige Ziele: Die Technik soll immer realistischer werden und kann daher immer leichter und besser realitätsnahe Welten erzeugen. Computerspiele können heute bereits Szenen generieren, die sehr authentisch wirken, und Programme können Bilder verändern, ohne dass es im Nachhinein erkennbar ist. Wenn bekannt ist, dass in Filmen Szenen mit Computer erzeugt werden, wie kann man dann noch dem trauen, was man im Fernsehen sieht? Wann kann man überhaupt noch Informationen trauen und wie lässt sich die Vertrauenswürdigkeit sichern und übermitteln? Wie lässt sich in der digitalen Welt eine Legitimation prüfen und welche Auswirkungen hat dies zum Beispiel für den Jugendschutz?

Einen großen Anteil am Erfolg des Internets hat die Freie Software, bei der viele Enthusiasten ihre Arbeit einbringen, ohne eine direkte Gegenleistung zu erhalten. Wie kann dieses altruistische Verhalten bewahrt oder in die Gesellschaft übertragen werden? Lässt sich die Kultur des freiwilligen Gebens breiter in der Gesellschaft verankern, um damit zum Beispiel die Fragen nach dem Umgang mit künstlerischen Schöpfungen anders zu lösen – Spenden, Crowdfunding?

Im realen Leben braucht ein Mensch in vielen Situationen nicht seine Identität preisgeben und kann anonym an der Gesellschaft teilnehmen, aber in der digitalen Welt wird mittlerweile stark für die Identifizierbarkeit des Gegenübers gekämpft. Umgekehrt wird in der digitalen Welt oft mit Pseudonymen agiert, wo im realen Leben der Name zum höflichen Ton gehört. Leute verstecken sich in der großen Masse des Internets und verweigern die Verantwortung für ihr Handeln. Wie viel Vertrauen und Offenheit kann und muss die Gesellschaft in der digitalen Welt haben?

Sind bei all den Möglichkeiten und Bedingungen der digitalen Welt Pflichten wie die Kennzeichnung von Werbung oder eine flächendeckende Prüfung von Angeboten wie beim klassischen Rundfunk noch durchsetzbar? Wie geht man damit um, dass Angebote in anderen Ländern anders bewertet werden? Müssen alle Regeln streng erfüllt werden (Abmahnanwälte, Copyright-Trolle) oder kann eine wehrhafte Gesellschaft Abweichungen auch aushalten?

Zweieinhalb Wege

Bei all diesen Herausforderungen sehe ich zwei Entwicklungslinien, wobei ich glaube, dass, wie es fast immer so ist, am Ende keine von beiden eintreten wird, sondern ein Mittelweg gefunden wird. Mein Traum wäre natürlich, dass sich die Welt in eine positive Richtung entwickelt.

Als zentralen Punkt für die Entwicklung sehe ich das Thema Bildung, denn nur bei den geistigen, sozialen und empathischen Fähigkeiten ist der Mensch den Maschinen noch überlegen. Da Maschinen aber immer stärker im Bereich der geistigen Fähigkeiten werden, muss der Mensch entsprechend gebildet sein, um weiterhin ein selbstbestimmtes Leben führen und Erfolg haben zu können.

Auch für die Gesellschaft ist es notwendig, dass die Bürger eine gute, breit aufgestellte Bildung haben, um ihre Rolle in einer offenen Gesellschaft wahrnehmen zu können und nicht als schlichter Konsument an die Wirtschaft verloren zu gehen. Es bedarf einer digitalen Mündigkeit, die weit über Programmieren hinausgeht.

Richtung A Richtung B
Bildung Aufklärung, Bürger, Arbeiter Konsument
Gemeinschaft sozial, kooperativ, vielfältig egoistisch, monoton
Vielfalt Vielfalt, dezentral Monokultur, zentral
Nachhaltigkeit
Regulierung reguliert, politisch gesteuerte Kooperation freies Entfalten
Besitz/Kontrolle Offenheit Abschottung
Kommunikation Mensch zu Mensch über Geräte, virtuell
Militär/Verteidigung klassisches Militär, reine Verteidigung im Internet Internet-, Wirtschaftskriege

»Warum mich dieses Thema beschäftigt?«

Noch eine paar Worte zu meinen eigenen Beweggründen für dieses Thema: In den zurückliegenden zehn Jahre hat sich aus meiner Sicht das Internet nicht nur im Positiven verändert. Mein Hauptkritikpunkt sind die starken, zentralen Strukturen, die solch globale Macht konzentrieren und dem Grundgedanken des Internets nach Dezentralität widersprechen. Die jetzigen Hauptunternehmen sind der Gemeinschaft gegenüber sehr offen eingestellt und die Errungenschaften, die durch die Konzentration erreicht werden konnten, sind überwältigend. Aber aus der Zeit Anfang der 2000er, als Microsofts Macht gegenüber der Freien Software noch stärker war, weiß ich, wie erdrückend eine solche Situation seien kann.

In den letzten zehn Jahren hat sich das Internet auch durch den rasanten Anstieg von Nutzern gewandelt. Die Kultur im Netz hat sich gewandelt und es steht viel mehr der Eigennutz und kommerzielle Interessen im Vordergrund. Der Sinn für Kooperation, Gleichberechtigung und die freiheitlichen Gedanken konnten nicht an die vielen Nutzer weitergegeben werden.

Ich würde ganz pathetisch sagen, das Internet verliert immer mehr von seinen Grundwerten und das finde ich bedauerlich, denn die beschriebenen Errungenschaften der technischen Entwicklung könnten dem Menschen in seinem Streben nach einem vielfältigeren und angenehmeren Leben einen Schritt voranbringen und dabei auch das gemeinschaftliche und soziale Miteinander stärken.

Doch um diese Grundwerte des Internets und der Gesellschaft zu schützen, bedarf es meiner Meinung nach einer gewissen Regulierung, um die entstandenen Machtasymmetrien wieder aufzubrechen und eine sinnvolle Verknüpfung zwischen der digitalen und der materiellen Welt zu schaffen. Jedoch ist dies in der Vergangenheit nicht immer sinnvoll geschehen. Die deutsche Regierung hat oft zu Maßnahmen und Methoden gegriffen, die nicht das Wesen der digitalen Welt berücksichtigen, sondern so agiert, als handele es sich um die materielle Welt – Sperren, Teilnehmerhaftung, Vorratsdatenspeicherung.

Auch in anderen Bereichen haben sich keine fortschrittlichen Denkweisen gezeigt, sondern die alten Praktiken wurden auf die neuen Gegebenheiten gepresst. So kommt beim Schutz oder der Vergütung von künstlerischen Werken immer die Einschränkung des Nutzers durch Techniken wie DRM oder TPM. Den offenen Ansatz zu verfolgen und Benutzern das Bezahlen von kleinen Beiträgen zu erleichtern, diskutiert man selten, denn hierfür müssten Banken die Möglichkeiten schaffen. Die aber tun sich sehr behäbig mit den neuen Themen wie Apple Pay oder Krypowährungen.

Dabei könnte der Weg, die Inhalte frei zugänglich anzubieten (statt einer Paywall) und sich gegenseitig Vertrauen entgegenzubringen, einen tiefgreifenden Wertewandel in der gesamten Gesellschaft nach sich ziehen, mit dem Wertschätzung und Gabe zu tragenden Prinzipien beim Austausch werden. In der Vergangenheit wurde durch Bananenware und illegalem Datenaustausch viel Vertrauen auf beiden Seiten zerstört.

Ich glaube, mit den bereits geschehenen Veränderungen und den noch offenen Möglichkeiten, gibt es viele Bereiche, in denen sich unser Leben und die Gesellschaft durch die Technik verändern wird. Es wird viele Neuerungen geben, die wir kritisch hinterfragen und teilweise auf eine grundlegend neue Weise angehen müssen.

Diese Veränderungen im Leben und in der Gesellschaft brauchen Zeit, obwohl die Technik rasant vorwärts drängt. Wir brauchen weitreichende Gesellschaftsentwürfe und die Politik muss sich dem Thema umfassend stellen und darf nicht »weiter wie bisher« verfahren. Aber das Internet ist vor allem auch ein Mitmachnetz und jeder kann selbst dazu beitragen und Neues wagen. Vielfalt entsteht erst, wenn viele vieles tun.

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