Im Logbuch Netzpolitik 280 erzählt Katharin Tai sehr viel über das Leben und das Internet in China. In ihren Erzählungen habe ich auch die Schilderungen bekannter Chinesen oder anderer Leute, die in China waren, wiedererkannt. Leider sind viele Berichtet über Social-Scoring oder Internetblockaden in China sehr auf Effekthascherei und betrachten die Lage in China sehr einseitig oder mit stark mit dem europäischen Kulturhintergrund.

Interessant fand ich den Hinweis, dass während der Kulturrevolution (1966–1976) eine starke Denunziation in der Bevölkerung geschehen ist, woraus sich ein Misstrauen in der Bevölkerung speist. Dieses wird noch das natürliche Misstrauen verstärken, das aufkommt, wenn fremde Menschgruppen aufeinander treffen. In China mit der industriellen Revolution so vielen Menschen in dem Land gewandert, dass in den Städten Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander treffen.

Ebenso war der Hinweis gut, dass mit dem explosionsartigem Sprung ins Industriezeitalter viele Entwicklungen gar nicht schritthalten konnten und Institutionen wie bei uns die Stiftung Warentest, die für Vertrauen und Stabilität sorgen, schlicht nicht existieren.

Gut dargestellt fand ich in dem Beitrag auch, dass einige Maßnahmen der Regierung oder von Firmen gar keinen bösen Hintergrund haben, sondern ein Problem adressieren, dass nicht direkt erkenntlich ist und in einem komplexeren Zusammenhang steht, als sich mit einem Satz beschreiben lässt.

Chinesen haben eine ganz andere kulturelle Prägung – wie ich selbst erst über die Jahre hin gelernt habe –, die wir auch nicht so leicht verstehen können. Der Blick auf die Geschehnisse mit unserer kulturellen Prägung ist meist nicht gut. Wir sollten den Chinesen und anderen Völkern nicht unsere Wertvorstellungen aufzwingen. Unsere Wertvorstellungen passen gut zu Mitteleuropa und unserer Entwicklung, aber müssen nicht überall anders passend seien.

Ein anderer Blick

Einen anderen Blick auf das Leben in China gibt der Vortrag über das Social Credit System beim 35C3. Dieser orientiert sich mehr an der technischen Implementation eines solchen Bewertungssystems und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Leider bezieht der Vortrag keine kulturellen Hintergründe (Wanderarbeiter, Kulturrevolution, konfuzianisches Denken) in die Betrachtungen ein und basiert sehr stark auf der Idee, der Menschen sei gut zu vermessen und algorithmisch zu erklären – der bekannte homo oeconomicus. Insgesamt empfinde ich den Blick zu westlich geprägt und unvollständig.