Ich lese gerade das Buch »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« von Hermann Hesse und bin auf den Seiten 79–82 auf interessante Überlegungen zum Thema Bildung gestoßen, die mich zu einigen Gedanken angeregt haben:

Wir lehren unseren Kindern alte Regeln und Konventionen, weil wir wollen, dass sie dagegen aufbegehren und ihre eigenen Regeln diesen entgegenstellen, auf dass die alten Thesen und die neuen Antithesen zu einer Synthese finden und so den Fortschritt begründen. Wer die alten Regeln unreflektiert weiterträgt oder wer ihnen tote Antithesen entgegenstellt, die nicht zu einer Reaktion zu einer Synthese fähig sind, der fügt der Welt nichts Neues bei.

Kinder sollen den kultivierten/qualifizierten Widerspruch lernen, indem wir ihnen den Anlass zum Widerspruch bieten.

Bildung braucht jenes Maß an Enge, um den Widerstand zu wecken, und jenes Maß an Weite, um den Widerstand nicht zu ersticken.

Psychologische Konsequenzen

Wenn wir den Widerspruch und den Regelbruch der Kinder insgeheim einplanen, so sollten wir darauf achten, wessen Regeln es sind.

  • Unterschied zwischen »man macht das nicht« und »ich will das nicht«, Wer ist der Aufsteller der Regeln?
  • Wenn die Eltern/die Lehrer sagen »ich will (nicht), dass Du … tust«, dann müssen die zwei Hürden überwinden: dem Gebot oder Verbot zu wider handeln und die Eltern/Lehrer enttäuschen oder verletzen, in der Beziehung ist Liebe und ein potentieller Liebesentzug involviert. Das macht die Ich-Botschaft wirkmächtiger als die Man-Botschaft.
  • Stellen Eltern oder Lehrer die Regeln als von einer fremden Instanz (der Gesellschaft, die Moral) gegeben auf »das tut man nicht« oder »man tut …«, so müssen die Kinder nicht gegen eine ihren persönlich bekannte Instanz rebellieren.
  • Am Ende kommt es auch nicht auf die exakte Wortwahl an, sondern wie der Erzieher sein Erziehungsmodell lebt und vorlebt: individuelle Regeln des Erziehers oder moralische (»von der Gesellschaft/Gott« gegebene) Regeln, die der Erzieher vermittelt
Art