Ich lese gerade das Buch »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« von Hermann Hesse und bin auf den Seiten 79–82 auf interessante Überlegungen zum Thema Bildung gestoßen, die mich zu einigen Gedanken angeregt haben:

Wir lehren unseren Kindern alte Regeln und Konventionen, weil wir wollen, dass sie dagegen aufbegehren und ihre eigenen Regeln diesen entgegenstellen, auf dass die alten Thesen und die neuen Antithesen zu einer Synthese finden und so den Fortschritt begründen. Wer die alten Regeln unreflektiert weiterträgt oder wer ihnen tote Antithesen entgegenstellt, die nicht zu einer Reaktion zu einer Synthese fähig sind, der fügt der Welt nichts Neues bei.

Kinder sollen den kultivierten/qualifizierten Widerspruch lernen, indem wir ihnen den Anlass zum Widerspruch bieten.

Bildung braucht jenes Maß an Enge, um den Widerstand zu wecken, und jenes Maß an Weite, um den Widerstand nicht zu ersticken.

Meiner Meinung nach müssten Kinder die Schule mit zwei Kräften verlassen: einerseits der Illusion, sie könnten die Welt aus den Angeln heben, und andererseits der Gewissheit, dass dies nicht gelingen wird. Die Illusion gibt ihnen die Kraft, die Welt zu erleben und zu verändern, die Gewissheit hilft ihnen in den Momenten nicht zu verzagen, wenn die Illusion platzt. Es liegt in der Natur der menschlichen Entwicklung, dass die Illusion in jungen Jahren besonders groß ist und mit der Zeit und den Erfahrungen abnimmt und die Gewissheit sich mit dem Alter stärkt und zu Einsicht, Weisheit und Gelassenheit führt.

Der naive, kindliche Leichtsinn ist wichtig, denn er ist der Wille zum Wollen, der Antrieb Fortschritte zu erzielen, und die Weisheit des Alters stärkt und festigt Fortschritte. Im Großen betrachtet liefert das den oben beschriebenen Kreislauf von These und Antithese: Die junge Antithese reibt sich mit der alten These und wird mit dem Alter zur Synthese, die als neue These die Antithesen der jungen Generation provoziert. Leider ist meiner Meinung nach dieser Kreislauf gestört, weil das Bildungssystem Kinder nicht zu Antithesen befähigt.

Wie auch bei vielen anderen Dingen, bedarf es der Balance, sowohl im Kleinen, wie im Großen: Der Mensch muss gemäß seines Alters das nötige Maß an Naivität und Weisheit besitzen und die Gesellschaft muss die Mischung als alten und jungen Meinungen wahren.

Psychologische Konsequenzen

Wenn wir den Widerspruch und den Regelbruch der Kinder insgeheim einplanen, so sollten wir darauf achten, wessen Regeln es sind.

  • Unterschied zwischen »man macht das nicht« und »ich will das nicht«, Wer ist der Aufsteller der Regeln?
  • Wenn die Eltern/die Lehrer sagen »ich will (nicht), dass Du … tust«, dann müssen die zwei Hürden überwinden: dem Gebot oder Verbot zu wider handeln und die Eltern/Lehrer enttäuschen oder verletzen, in der Beziehung ist Liebe und ein potentieller Liebesentzug involviert. Das macht die Ich-Botschaft wirkmächtiger als die Man-Botschaft.
  • Stellen Eltern oder Lehrer die Regeln als von einer fremden Instanz (der Gesellschaft, die Moral) gegeben auf »das tut man nicht« oder »man tut …«, so müssen die Kinder nicht gegen eine ihren persönlich bekannte Instanz rebellieren.
  • Am Ende kommt es auch nicht auf die exakte Wortwahl an, sondern wie der Erzieher sein Erziehungsmodell lebt und vorlebt: individuelle Regeln des Erziehers oder moralische (»von der Gesellschaft/Gott« gegebene) Regeln, die der Erzieher vermittelt