Der Essay The Tyranny of Stuctureless ergründet die Frage nach Strukturen bzw. Strukturlosigkeit von Gruppen anhand der Frauenbewegungen der 1960er Jahre. Diese lehnten (formelle) Strukturen und Führung als Gegenreaktion auf eine überregulierte Welt ab, weil gerade diese Strukturen zu ihrer Benachteiligung geführt hatten. Dabei verkannten sie aber den Vorteil von Strukturen und litten aufgrund der ideologischen Ablehnung an den Problemen der Strukturlosigkeit.

  • Im Folgenden steht Struktur sowohl für Struktur (räumliche) als auch Prozesse (zeitliche).
  • Struktur ist für Gruppen wie die Regulierung des freien Marktes: Erst sie ermöglicht die gleichberechtigte und freie Teilhabe aller an der Gruppe bzw. am Markt. Erst durch explizite Strukturen wird die faire Teilhabe aller Mitglieder an der Gruppe gewährleistet.
  • Die (formelle) Struktur ist ein Gegenspieler der informellen Struktur und hindert sie daran, die vorherrschende Kontrolle zu haben. Nicht alle Strukturen müssen formalisiert werden, vielmehr muss es eine Mischung geben, damit es zu keiner Überstrukturierung kommt.
  • Echte Strukturlosigkeit gibt es nicht. Alle Gruppen bauen inhärent über die Zeit hin durch soziale Beziehungen Strukturen auf. Es ist wie »Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden«. Es ist dann nur die richtige Frage, ob Gruppen formale Strukturen haben, also ob ihre Strukturen explizit gemacht wurden oder nur informell existieren.
  • Eine vorgebliche Strukturlosigkeit bietet einen Deckmantel für die Starken oder Glücklichen, um eine unhinterfragte Hegemonie über andere zu errichten. Auf diese Weise wird die Strukturlosigkeit zu einem Mittel, Macht zu verschleiern.
  • Für Aufgaben und Ziele ab einer bestimmten Größe bedarf es Strukturen zur Organisation einer Gruppe.
  • Informelle Strukturen haben zwei Nachteile:
    • Entscheidungen werden aufgrund der Vertrauensverhältnisse gefällt, die die informelle Gruppe formen (z. B. Freundschaften) und nicht aufgrund rationaler Überlegungen, da die Beziehung über Teilhabe oder Ausschluss bestimmt und keine formellen Kriterien die Beziehung halten.
    • Informelle Strukturen sind nicht verpflichtend: Einerseits kann niemand zur Erfüllung einer Aufgabe gezwungen werden, da ihm formell keine Position/Macht verliehen wurde. Andererseits kann man sich nicht auf die Erfüllung einer Aufgabe verlassen und ist von den Interessen der Elite abhängig. »Wenn's passiert, dann passiert's, aber man kann es nicht herbeiführen.«
  • Bei Strukturlosigkeit erzwingen oft äußere Kräfte eine Struktur, die dann von innen heraus nicht verändert werden kann, weil die Regeln von außen kommen. Beispiel im Abschnitt Star-System: Die Presse sucht nach einem Sprecher und wenn die Gruppe niemanden benennt, sucht sich die Presse jemanden, der mit ihr spricht.
  • Strukturlosigkeit führt dazu, dass (natürliche) informelle Strukturen Eliten und Stars hervorbringen, was das genaue Gegenteil zum Ziel der Strukturlosigkeit (Gleichheit aller) ist.
  • Für kleine Gruppen (bis 7 Personen) und eine konkrete, begrenzte Aufgaben kann das Arbeiten ohne formelle Strukturen vorteilhaft sein, wenn die Harmonie in der Gruppe stimmt.
  • Strukturlose Gruppen sind anfällig für Übernahmen durch fremde Gruppen mit Struktur, die systematisch die Gruppe kapern können. Wenn die Strukturlosigkeit Ideologie ist, lässt sich auch kein sinnvolles Abwehrsystem aufbauen.
  • Prinzipien der Demokratie:

    • explizite Delegation von Aufgaben und Rollen: stärkere Bindung des Rollenträgers zu seiner Aufgabe, da er a) gewählt/bestätigt wurde und b) diese Entscheidung bewusst getroffen hat; Machtposition bewusst auswählen und bewusst die Macht den Positionen übertragen
    • Kontrollfunktion der Gruppe: Autoritäten sind der Gruppe rechenschaftspflichtig und die Gruppe kann durch ihre Wahl sie berufen und abberufen; Rückkopplung »Macht über die Mächtigen«
    • Machtverteilung: Es darf zu keiner Machtkonzentration/Monopolen einzelner kommen. Erzwingt das Prinzip der Abstimmung und Konsensbildung unter den Mächtigen.
    • Rotation von Rollen: Funktionsträger müssen in gewissen Abständen (jedoch nicht zu kurz) wechseln, damit sie sich nicht einfahren und einen Scheuklappenblick bekommen. Dies verhindert auch Machtmissbrauch, da immer wieder jemand neues »Einblick in die Bücher« bekommt.
    • Rollen müssen zu Rollenträgern passen: Interesse, Fähigkeiten und Verantwortung müssen vorhanden sein
    • Transparenz – »Information ist Macht«: Das System muss allen Mitgliedern der Gruppe Zugang zu den relevanten Informationen gewähren, damit es die Kontrollfunktion wahrnehmen kann, und Machtmonopole durch Wissensmonopole verhindert.
    • Gleichberechtigter Zugang zu Ressourcen: Jedes Gruppenmitglied sollte (sinnvoll) Zugang zu allen Ressourcen (Geräten, Webdomains, Markennamen, Werkzeugen, Wissen) der Gruppe haben. Im Rahmen der Gesellschaft ist dies der Kampf zwischen Besitzern der Produktionsmittel und Arbeitern. Aber es gibt auch strukturelle Gründer (z. B. Gerät ist Privatbesitz einer Person), die dem entgegen stehen.

    Genau dies führt zum Dilemma der strukturbedingten Ressourcenverschwendung, wenn ein zweites Gerät angeschafft werden muss, damit es im Besitz der Gruppe ist, um Gleichberechtigung zu schaffen.

  • Eine Gruppe braucht eine Mission, die mit der sich sich identifiziert und die sie zusammenhält. Wenn dieses Ziel oder die Aufgabe erreicht bzw. erfüllt ist, zerfällt die Gruppe.