Am 25. November 2018 kam beim Deutschlandfunk ein sehr schönes Interview mit Svenja Flaßpöhler über die Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache. Die Diskussion dreht sich um den Unterstrich, das Sternchen und das Innen, das Wörtern angehängt wird, um die Gleichberechtigung von der Frau voranzubringen. Aber Sprache kann das nicht leisten.

Passend zu dem Thema erschien am 30. August 2020 im Tagesspiegel der etwas provokante und überspitzte Beitrag »Deutschland ist besessen von Genitalien: Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer«. In England geschieht die Geschlechtergerechtigkeit nicht durch die Verdeutlichung des Unterschieds, sondern durch die Vereinheitlichung. Ebenso ist es auch schon in Deutschland mit dem Wandel von Frau/Fräulein hin zu Frau geschehen.

Von der Süddeutschen Zeitung gab es am 9. Juni 2021 den Beitrag »Der Genderstein spaltet mehr, als dass er eint«, der gut zusammenfasst, dass die Durchsetzung des Genderns mehr auf Konflikt setzt als auf gütige Zusammenführung. Der Kampf mit der Sprache ist ein Stellvertreterkrieg, denn selbst wenn das Sternchen allumfassend angewandt würde, an den Zuständen würde sich nichts ändern. Wenn Texte normativen Charakter haben sollen, dann sind es Gesetze – und die sind es, die angepasst werden müssen; Stichwort: Ehegattensplitting.

Die Bedeutung von Worten durch Erfahrung

Sehr interessant finde ich den Gedanken, dass Worte per se neutral sind und erst durch unsere Erfahrung und das, was uns gelehrt wird, mit einer Bedeutung versehen werden. Das Wort Bundeskanzler wäre für ein 16-jähriges Kind im Jahr 2020 demnach mit einer weiblichen Bedeutung versehen, weil es den Begriff nur in Kombination mit einer Frau erfahren/gelernt hat. Viele der Rollenbezeichnungen sind geprägt von einer männlichen Besetzung, weil Gesetze und Konventionen es früher so erzwungen haben. Das Bild im Kopf zum Wort Bäcker oder Reiter ist deshalb männlich, weil es früher so war und wir (als Individuum und als Gesellschaft) es so verinnerlicht haben.

Die Assoziation mit einem Begriff wandelt sich gerade dadurch, dass man ein anderes Erleben hat. Wichtig ist nicht, dass mit der Sprache immer auf die Möglichkeit der weiblichen Form hingewiesen wird, sondern dass die weibliche Form erfahrbar wird. Die Gleichberechtigung muss Wirklichkeit und nicht durch Konstruktionen in die Sprache hineingepresst werden.

Wenn das Bild zum Begriff irgendwann geschlechtsneutral ist, vielleicht brauchen wir vielleicht nur noch einen Artikel, weil der Bäcker alle Formen bezeichnet und der damit seinen Informationsgehalt verloren hat. Aber irgendwie wäre es schade, wenn die Sprache an Vielfalt verliert und selbst die Natur kennt Unterschiede zwischen den Geschlechtern: ein Vater wird nie die Brust geben oder eine Frau Samenzellen spenden können.

Sprache ist in der Evolution als ein Werkzeug zur Kommunikation – für den Transport der Bilder im Kopf – entstanden. Sprache ist also vorrangig deskriptiv und weniger normativ, beschreibt also die Realität und formt sie nicht; dies auch nicht mit völliger Absolutheit, denn beides bedingt sich und wechselwirkt miteinander, aber – plump gesagt – Taten schaffen, nicht Worte.

Vielleicht wandelt sich das auch einmal, wenn man bedenkt, dass sich in unserer Welt der Schwerpunkt vom Körperlichen hin zum Geistigen verschiebt, aber rein von der Physik her werden Gedanken (durch Telekinese) nie die Welt verändern können; indirekt ja, aber unmittelbar wirkt die Handlung in der Welt. Ein Gedanke ist im Subjekt – nicht außerhalb – und bleibt ein Wunsch, solange er nicht in die Tat umgesetzt wird.

Wie halte ich's nun mit den Worten?

Ich bin der Meinung, dass wir Sprache nicht als Werkzeug der Handlung »missbrauchen« sollten, sondern dafür lieber Taten nutzen und Fakten schaffen sollten. Die Sprache sollte weiterhin der Kommunikation dienen und dabei die Vielfalt der Welt nicht auf der Wortebene, sondern auf der Textebene widerspiegeln. Es gibt männliche und weibliche Subjekte in der Welt und so sollte auch im Text ein kontinuierlicher Wechsel zwischen männlichen und weiblichen Formen passieren. So wie uns auf der Straße Männer und Frauen – räumlich getrennt – begegnen, sollten uns auch in Texten die Formen mit einer Abwechslung begegnen – und dabei auch all die anderen Formen bzgl. Hautfarbe, Nationalität, sexueller Identität und so weiter sofern es relevant ist.

Aber Gedanke und Handlung stehen nicht in einem linearen Zusammenhang zueinander, sondern wechselwirken in einem ewigen Kreislauf miteinander: Die Bilder im Kopf bestimmen unsere Wahrnehmung und unser Handeln schafft die Bilder, die wir wahrnehmen. Wir haben also zwei Probleme: zum einen die Monokultur der Bilder im Kopf, die nicht die Wirklichkeit abbilden, und zum anderen die künstlichen Beschränkungen der Möglichkeiten in der Welt, dass zum Beispiel Frauen nicht erlaubt wird, was ihnen möglich ist. Ein Ansatzpunkt für eine Veränderung des Kreislaufs sind also die Bilder im Kopf und diese können wir mit Sprache durch eine kontinuierliche Stimulation beeinflussen.

Das Bild, das ein Begriff vermittelt, muss wertneutral bzgl. des Geschlechts werden, aber nicht der Begriff. Den Begriff zu verändern, in dem Glauben, es verändere sich dadurch das Bild, ist ähnlich dem »Erschießen des Boten einer schlechten Nachricht«.

Das ist der Kern des Gendersternchen-Problems: Es wird der Begriff verändert, obwohl das Bild das Ziel ist, und anstatt die vorhandene, sprachliche Vielfalt zu nutzen, werden künstliche Spezialkennzeichen eingeführt, mit denen man nur ein neues Territorium schafft, auf dem man als Erster inhärent den Herrschaftsanspruch hat und alle die, die nachkommen, sich dieser Macht unterordnen müssen – einfach nur eine künstliche Machtverschiebung wie auch bei alternativen Fakten, aber kein Ausgleich oder emanzipierter Umgang mit Macht.

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